Seit September 2018 teste ich – gemeinsam mit meiner Mischlingshündin Fasa – das Brustgeschirr der jungen Marke Hundenerd®. Ich habe die Halsung unterschiedlichen Witterungsverhältnissen unterzogen und anschließend mehrmals gewaschen. Hält das Geschirr, was es verspricht?

Brustgeschirr von Hundenerd® im Langzeit-Test

In Sachen Hundezubehör habe ich wohl schon alles gesehen: sinnvolle und schwachsinnige Erfindungen gleichermaßen. Nicht umsonst habe ich hunderte von Kalorien beim Laufen durch die Gänge zahlreicher Hundemessen verbrannt. Nichts mehr kann mich überraschen. Dachte ich jedenfalls. Bis ich 2017 Pedi Matthies kennengelernte. Die Gründerin von Hundenerd® hat es geschafft: Ihr Hundegeschirr hat mich tatsächlich ins Staunen versetzt. Ich habe es auf Herz und Nieren getestet.

Ingenieurkunst trifft Tierkunde

Brustgeschirr von Hundenerd -Härtetest

Das Brustgeschirr von Hundenerd© passt sich den Bewegungen des Hundes an

Die energiegeladene Künstlerin hat eine Geschirr-Form entwickelt, die den Druck beim Ziehen gleichmäßig verteilen und dem Hund volle Bewegungsfreiheit garantieren soll. Die Arbeit an dem Produkt hat 2,5 Jahre gedauert und die Beteiligung von Experten aus verschiedenen Branchen notwendig gemacht. Die Mitmacher haben sich nämlich nicht nur mit den Materialien, sondern in erster Linie mit der hündischen Anatomie beschäftigt. Die grundlegende Frage war, wie die Kräfte, die beim Ziehen entstehen, auf die schonendste Art abgefangen und umgeleitet werden können. Das Know-How aus dem Maschinenbau – Wahnsinn, was so ein Geschirr alles braucht – hat Pedi bei ihrem Mann angezapft, der Ingenieur ist. Ein Frauentrio aus den Bereichen Tierosteopathie, Tierheilhunde und Tiermedizin hat seinen – beileibe nicht faden – Senf zum Thema Knochenaufbau und Meridianpunkte gegeben. Das Ziel war, ein Brustgeschirr zu kreieren, das für den Hund komfortabel beim Tragen und für den Halter praktisch in der Pflege ist. Und nachhaltig musste es sein – als ökologisch denkender Mensch hat Pedi Matthies hohe Ansprüche an Materialien, aber auch an Arbeitsprozesse und Logistik. Ist ihr mit dem neuen Hundegeschirr tatsächlich ein Multitalant gelungen?

Ziel: Wie ein guter Turnschuh

Hundenerd Geschirr - erstes Modell

Das erste Modell von Hundenerd© Geschirr war bunter

Das erste Modell von Hundenerd-Geschirr, das ich 2017 während meiner Recherchereise für „Grüner Hund“ kennenlernte, hatte eine ungewohnte Form und war in hellen Farben gehalten. An Pedis Hunden – Locke und Neli – saß das Geschirr einwandfrei. „Bei meinen Produkten geht es in erster Linie um den Hund, er muss sich damit wohl fühlen“, sagte mir damals die gebürtige Konstanzerin. „Das Geschirr ist der erste Kommunikationspunkt mit dem Hund. Die Kommunikation soll schützend und führend sein und nicht einengend und nervend. Das Geschirr muss wie ein guter Turnschuh funktionieren.“ Begleitend zu der ersten Halsung gab es auch eine innovative Leine, in der an der Seite ein ausgeklügelter Schlitz für den Gassibeutel versteckt war.

Die Show geht weiter

Mit seinem neuartigen Hundegeschirr hat Hundenerd® den Nerv der Zeit getroffen: Das Produkt war schnell ausverkauft, hatte aber auch, wie Pedi zugegeben hat, Verbesserungspotential. „Wir haben uns auf die Suche nach einem Hersteller gemacht, der allen unseren Vorstellungen entspricht: auf Nachhaltigkeit setzt, zu fairen Bedingungen produziert, einen sehr hohen Qualitätsanspruch hat und auch noch in Deutschland ist“, erzählt die 49-Jährige. „Nach unzähligen Stunden Recherche sind wir auf die Idee gekommen, uns bei Herstellern von Klettergurten umzusehen.“ Mit der Allgäuer Firma EDELRID hat Hundenerd® ins Schwarze getroffen und einen geeigneten Partner gefunden, mit dem eine neue Kollektion entwickelt wurde. Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist ein verbessertes Geschirr sowie ein Halsband und eine Leine – alles im dezenten Schwarz-Grau gehalten, mit einer gelben Naht als Farbklecks.

Wie ist das Hundegeschirr gebaut?

Hundenerd Geschirr: Die Bauweise

Das Hundenerd©-Geschirr hat drei gepolsterte Teile, einen gummierten Expander und eine Rückenplatte

Wie schon das erste Hundegeschirr der Pfälzer Marke so auch das zweite Modell mit dem unspektakulären Namen V2 hat eine ungewöhnliche Form. Strikt nach der Anatomie des Hundes gebaut, sieht die Vier-Gurte-Konstruktion mit Stützen und Schnallen auf den ersten Blick zwar etwas kompliziert aus, beim näheren Hinschauen ergibt jedes Element einen Sinn.

Eine stabile, mit zwei Steckschließen und einem Haltegriff ausgestattete Rückenplatte findet ihren Platz direkt hinter dem Widerrist. Sie führt die diagonal verlaufenden Brust- und Rückengurte zusammen. Den breitesten Teil des Brustbeins, den sogenannten Manubrium sterni, umhüllt ein gepolstertes Brust-Dreieck, das durch einen flexiblen, gummierten Gurt – dem sogenannten Expander – mit der Bauchpolsterung verbunden ist. Das breite, weiche Bauchteil sitzt über den letzten verbundenen Rippen und bietet eine Brücke für ein Zusatzband, das sich auf dem hinteren Rücken stützt und mit einem ovalen Polsterkissen ausgestattet ist.

Was ist an dem Geschirr innovativ?

Hundegeschirr von Hundenerd nach einem Schlammbad

Diese Testumgebung hat sich Fasa selbständig ausgesucht

Das Hundegeschirr von Hundenerd® hat einige neue Funktionen, die für sich allein eher klein ausfallen, aber alle zusammen ein sehr stimmiges und modernes Bild ergeben. Als erstes wäre der gummierte Band zwischen dem Brust- und dem Bauchteil zu nennen. Der Expander ist flexibel anpassbar und hält das Geschirr nah am Körper. Selbst, wenn der Hund den Kopf senkt, hängt da nichts unschön baumelnd zwischen den Vorderpfoten herunter: Der Expander passt sich den Hundebewegungen flexibel an.

Auch die Rückenplatte mit den gekreuzt angenähten Steckschnallen für die Bänder ist mir in der Form neu. Ein stabiler Griff hat mir bei mehreren Katzenbegegnungen mit meiner katzenunkompatiblen Fasa mehrmals gute Dienste geleistet und hält bombig. Die „Bohne“ am hinteren Rücken unterstützt die ganze Konstruktion. „Mit dem zusätzlichen Band und der „Bohne“ hinten habe ich das Problem ausgehebelt, dass das Geschirr nach vorne rutscht“, erklärt Pedi Matthies. „Der Druck wird im Brustbereich aufgefangen und gleichmäßig auf Rücken und Rippen verteilt.

Eignet sich das Geschirr für kleine und große Hunde?

Selbst das flexibelste Hundegeschirr kann nicht gleichzeitig einem Chihuahua und einem Rottweiler passen. Deswegen gibt es das Hundenerd-Geschirr in zwei, großzügig anpassbaren Varianten:

  • HomeBro für kleinere Hunde zwischen 8 – 28 kg
  • PowerBro für größere Hunde zwischen 22 und 62 kg

Im Bereich der Schnittmenge – von 22 bis 28 kg – ist das HomeBro-Modell für schmale und schlanke Rassen geeignet, wie Podenco oder Windhund. Kräftiger gebaute Hunde, wie etwa Bulldoggen oder Australian Sheppards, kommen eher bei PowerBro auf ihre Kosten.
Da die Bänder flexibel anpassbar sind und die Halsung mit dem Hund auch wachsen kann, eignet sich das Hundegeschirr ebenfalls für Welpen. In dem Fall lässt man beim ersten Anpassen mehr Band übrig.

Gibt es bei dem Geschirr einen Haken?

Als ein rationaler Mensch, der nicht an Wunder glaubt, suche ich bei jedem Produkt nach Schwachstellen, zumal ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die Entwicklung eines perfekten Hundeaccessoires so gut wie unmöglich ist. „Einen Tod muss man sterben“, pflegte meine Oma zu sagen. Also habe ich mich auch beim Hundenerd® auf die Suche nach der potenziellen Todesursache begeben.

  • Die Kosten: Auf den ersten Blick mag der stolze Preis – knapp 110 Euro bei dem kleineren und rund 130 Euro bei dem größeren Modell – einen Meckergrund ergeben. Die recht hohe Investition wird in meinen Augen aber durch die Langlebigkeit des Produktes vollständig wettgemacht. Ich habe schon Geschirre für 70 Euro gekauft, die ich nach sechs Monaten wegen durchgescheuerten Stellen oder kaputten Schnallen entsorgen musste. Das HomeBro wird von Fasa seit gut zehn Monaten beansprucht und hat kaum Gebrauchsspuren.
  • Die Anpassung: Bevor das Geschirr perfekt sitzt, dauert es eine Weile. Seine hohe Flexibilität – beinahe jedes Element kann in der Länge angepasst werden – ist eben Fluch und Segen zugleich. Eine mitgelieferte Anleitung erleichtert das Verständnis der Bauweise – an die neuartige Form muss man sich nämlich erst gewöhnen. Einmal angepasst, sitzt das Geschirr aber einwandfrei.
  • Die Plastikelemente: Ich bin kein Freund von Kunststoff und hätte am liebsten ein Produkt, das vollständig darauf verzichtet. Ich weiß allerdings auch, dass Plastik – dazu gehört auch Polyester – in puncto Langlebigkeit, Leichtigkeit und Schmutzunempfindlichkeit auf dem Markt noch keine Konkurrenz hat. Da alle Materialien bei Hundenerd Bluesign-zertifziert sind – was eine verantwortungsbewusste und nachhaltige Textilherstellung bescheinigt – und nach zehn Monaten im täglichen Einsatz noch keinen Schaden genommen haben, nehme ich den Kunststoff billigend in Kauf. Einzig die Plastik-Abschlüsse, die die Enden der Bänder nach ihrem Kürzen schützen sollen, sind ein klarer Schwachpunkt. Mit dem Tempo, das Fasa auch im Unterholz entwickeln kann, sind die meisten Elemente mit der Zeit abgefallen. Auf die Abschlusskappen könnte Hundenerd getrost verzichten: Es reicht, die Bandenden nach dem Kürzen leicht mit einem Feuerzeug anzuschmelzen und auf diese Weise zu versiegeln, damit sie nicht ausfransen.
  • Die Fertigung: Während die Leine und das Halsband von Hundenerd in dem Traditionsunternehmen Edelrid im Allgäu gefertigt werden, entsteht das Geschirr in Vietnam. Für die Verfechter von „Made in Germany“, zu denen auch ich gehöre, kann das sehr wohl ein Manko sein. Allerdings weiß ich, dass die Gründerin von Hundenerd® alles Menschenmögliche getan hat, um einen Nähbetrieb in Deutschland zu finden. „Es ist mir nicht gelungen einen Hersteller aufzutreiben, der in Deutschland unsere Geschirre nähen kann“, sagte Pedi Matthies. „Die Textilindustrie in Deutschland ist quasi nicht mehr existent“. Die vietnamesische Fabrik ist FAIRWEAR-zertifiziert, das bedeutet, dass dort die Arbeitsbedingungen und Rechte für Arbeitnehmer eingehalten werden, die von der unabhängigen Fair Wear Foundation in Amsterdam entwickelt wurden. Die Non-Profit-Organisation arbeitet mit Bekleidungsmarken, Textilarbeitern und Branchengrößen zusammen, um die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken zu verbessern.

Hundegeschirr Hundenerd® V2 auf einen Blick

VORTEILE NACHTEILE
sehr ergonomisch: passt sich Hundebewegungen an aufwändige Anpassung
keine Steckschließen auf den Rippen, der Hund kann im Geschirr auch auf der Seite liegen größere Investition
sehr robustes Material, auch im Kontakt mit Sonne, Sand und Schlamm bleibt es in Form und bleicht nicht aus die Kunststoff-Abschlüsse für die abgeschnittenen Gurtbänder sind überflüssig und gehen mit der Zeit verloren
alle Gurtband-Arretierungen gepolstert genäht in Vietnam
keine Reibung unter den Achseln unsexy Name „V2“
bereits dreimal in der Maschine (im Säckchen) gewaschen – keine Verfärbungen oder Verformungen
sehr solide vernäht, nach 10 Monaten im täglichen Einsatz keine Schwachstellen entdeckt
eignet sich auch fürs Auto
schlicht-elegantes Design, deutlich stilvoller als das erste, buntere Modell
bei Hunden, die das Anziehen des Geschirres über den Kopf nicht mögen, kann das Geschirr auch seitlich angelegt werden
Gurtband made in Germany
alle Materialien Bluesign zertifiziert
das schicke Netzbeutel, in dem das Geschirr verpackt ist, lässt sich wunderbar zum Aufbewahren von Leckerli oder für andere Zwecken nutzen

Mein Fazit zum Hundenerd-Geschirr

Auch wenn die Anpassung des Hundegeschirrs etwas mehr Geduld erfordert als bei herkömmlichen Halsungen, sind die flexiblen Einstellmöglichkeiten in Wirklichkeit großartig, lassen sie doch ein Geschirr wie nach Maß zu. Nach dem anfänglichen Aufwand fällt der ergonomische wie optische Endeffekt einwandfrei aus. Das Geschirr „geht mit dem Hund“ – egal, ob dieser gerade springt, rennt oder mit gesenktem Kopf einer Spur folgt. Die Ausdauer, die die Gründerin von Hundenerd® bei der Produktentwicklung bewiesen, und die Mühe, die sie sich bei der Suche nach nachhaltigen Fertigungsstätten gegeben hat, finde ich bewundernswert. Die Materialien sind äußerst robust und pflegeleicht. Das kleine Manko mit den Abschlusskappen fällt in meinen Augen nicht ins Gewicht. Und der recht hohe Preis ist durch und durch gerechtfertigt – wie es aussieht, werde ich mich an dem HomeBro auch noch die nächsten Jahre erfreuen. Aus meiner Sicht verdient das Hundegeschirr fünf von fünf Sternen.

Von wegen kopflose, chaotische und skurille Künstler. Es gibt sehr wohl bodenständige und zielstrebige Exemplare unter ihnen. Pedi macht es vor.

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