Am 28. Februar 2026 feierte die Stadtpfotenmesse ihre Premiere in Hamburg – mit 50 Ausstellern und knapp 2000 Besuchern. Wo schnitt die Veranstaltung gut ab, wo gibt es Entwicklungspotenzial und was waren meine Top Five der grünen Marken – erfährst Du in dem Bericht.

Acht Stunden Hundekosmos in Hamburg-Altona: Am letzten Februartag hat sich die norddeutsche Hundeszene bei der Stadtpfotenmesse getroffen. Die Initiatorinnen Alicia Arafa und Jasmin Felusiak haben das Event weniger als reine Verkaufsplattform – sondern vielmehr als ein Versprechen verstanden: dass Tierhaltung im 21. Jahrhundert neu gedacht werden kann. Und muss.

Viele Veranstaltungen drehen sich stark um Quantität, Rabatte oder reine Unterhaltung. Uns war wichtig, mehr Aufmerksamkeit auf moderne Hundehaltung zu lenken und neue Impulse zu setzen“, sagte Jasmin Felusiak.

Mit den „Stadtpfoten“ wollten die Veranstalterinnen eine Plattform für Austausch und Begegnung schaffen, bei der Themen wie Tierschutz, Innovation und Nachhaltigkeit ganz selbstverständlich dazugehören.

Das ist dem Duo recht gut gelungen: Wer durch die 2000 Quadratmeter große Halle ging, spürte schnell: Der Schwerpunkt lag nicht nur auf dem Kommerz, sondern auch auf Werten. Diese zogen sich wie ein roter Faden durch Gespräche, Konzepte und Geschäftsmodelle – wenn auch mit unterschiedlichen Tiefen und Konsequenzen.

Tierschutz als Herzstück

Adriana Christina als Moderatorin bei der Stadtpfotenmesse in Hamburg

Adriana Christina führte als Moderatorin durch das Vortragsprogramm

Caramelli Rescu Montenegro, Strays of Streets, das Franziskus Tierheim, der Galgomarsch Hamburg – das Thema Tierschutz war in der Messehalle allgegenwärtig und erhielt den Platz, den es verdient. Eine große Tafel mit Fotos und Steckbriefen von Hunden, die noch ein Zuhause suchen, zog viele Interessierten an. Doch mein persönlicher Favorit war das Vortragsprogramm, das sehr anschaulich machte, was Tierschutz bedeutet. Dabei wurden nicht nur Tierschutzorganisationen und Tierheime vorgestellt – mit ihren Kämpfen, die sie täglich ausfechten müssen. Es gab auch praktische Ratschläge für den richtigen Start mit einem Tierschutzhund und einen Beitrag über illegalen Welpenhandel in Deutschland.

Das stärkste Moment der Messe gehörte in meinen Augen Nane Schomburg, die sich – schonungslos, mit erschütternden Bildern und bemerkenswert klaren Worten – dem Thema Qualzucht widmete.

„Wir verdienen sehr gutes Geld mit den OPs an kurzköpfigen Hunden„, sagte die junge Tierärztin. „Es wäre aber sehr schön, wenn wir das nicht müssten.“

Seit ihrer Zeit an der Kleintierklinik der Universität Leipzig ist sie angetrieben von dem Leid der Möpse, Französischen Bulldoggen und anderer brachycephaler Rassen. Ihr Vortrag war das, was gute Aufklärung sein muss: unbequem und unvergesslich.

Nachhaltig? Eine ehrliche Bilanz

Eine Messe, die sich Tierschutz und Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, lädt zur kritischen Betrachtung ein – und das ist gut so. Zwischen den Ständen, die sich mit erkennbarer Überzeugung dem Umweltgedanken verschrieben hatten, gab es auch solche, die diesem Anspruch nicht entsprachen: knallbuntes Plastikspielzeug, Herkunft China, Qualität miserabel, Zusammensetzung unbekannt. Solche Ausreißer trübten gelegentlich das Bild.

Jasmin Felusiak kennt dieses Spannungsfeld:

Unser Anspruch war, Aussteller auszuwählen, die Ansätze in Richtung Nachhaltigkeit und Qualität mitbringen oder besonders innovative Produkte und Ideen vorstellen“, sagte sie. „Doch gerade im Heimtiermarkt ist es nicht immer einfach, ausschließlich Marken zu finden, die komplett nachhaltig produzieren.“

Der Anspruch der Messe sei Inspiration – ein Anstoß, nicht ein Urteil. Das Event solle dazu beitragen, dass sich Menschen und Marken mit diesen Themen stärker auseinandersetzten. Nachhaltigkeit, so die Initiatorin, sei für viele – Menschen und Marken – ein Entwicklungsprozess.

Das leuchtet ein. Und es bleibt ein Ziel, dem die Stadtpfotenmesse bei künftigen Editionen noch entschlossener nachspüren darf – vor allem bei der Ausstellerauswahl. Denn einige meiner Fragen – wie etwa die, was „nachhaltige Fleischquelle und artgerechte Tierhaltung“ im Detail bedeute, blieb häufig unbeantwortet. Selbst bei denen, die solche Versprechungen großmundig äußerten.

Über die kleinen Enttäuschungen hinweg trösteten mich die Marken, die sich mit Umwelt- und Tierschutz intensiv auseinandersetzen. Denn zum Glück waren die „Nachhaltigkeitsfreaks“ bei der Messe nicht zu rar gesät. Meine Fragen haben sie nicht nervös gemacht, ihre Antworten klangen plausibel. Wem Naturschutz am Herzen liegt, der geht gerne ins Detail. Und hat Mut zur Lücke – denn das Thema ist nicht nur komplex, sondern auch extrem schwierig umzusetzen.

„Knapp 2000 Besucher haben unsere Veranstaltung besucht – und das trotz des Streiks bei Bussen und Bahnen“, sagte Jasmin Felusiak. „Es war richtig schön zu sehen, wie viele Menschen unser Konzept begeistert aufgenommen haben. Wir sind richtig happy mit dem Ergebnis“.

Meine Top Five der grünen Kämpfer

Fünf Marken und Konzepte, hinter denen keine Investoren und Verkaufspsychologen stecken – sondern persönliche Geschichten und echte Überzeugungen.

  1. NOMS+: Vegane Ergänzung aus persönlicher Not entstanden
  2. REDOGGO: Hundespielzeug aus recycelten Airbags
  3. Hanfred: Farm-to-Bowl aus der Steiermark
  4. Enviwell: Probiotik von außen
  5. Hundekind: Ernährung maßgeschneidert für Kleinhunde

NOMS+: Eine Marke aus der Not

Sunna Becker von NOMS+ mit einem vierbeinigen Besucher am Stand

Der Name NOMS+ kommt von dem Geräusch, das Katzen beim Essen machen: nom, nom, nom. Das Plus steht für das kleine Extra zum Essen. „Das versteht niemand, nach fünf Jahren ist es aber schon zu spät, es zu ändern“, sagte Sunna Becker lachend.

NOMS+ entstand nicht aus einem Businessplan, sondern am Küchentisch. Als die Gründerin Sunna ihrer chronisch kranken Katze beim Leiden zusah – blutig gekratzt, von Arzt zu Arzt geschleppt – begann sie selbst zu forschen. „Ich wollte mich nicht damit zufriedengeben, dass das Problem psychosomatisch sei. Ich wollte auch nicht immer nur Kortison geben.“

Was als improvisiertes Küchenprojekt begann, ist heute eine wachsende Marke: konsequent pflanzlich, klar auf Tiergesundheit fokussiert und getragen von Transparenz, die Kunden sehr schätzen. „Wir pflegen engen Kontakt zu unseren Kunden – und das Nahbare lieben die Menschen“, erklärte Sunna Becker. Und in naher Zukunft möchhte die Marke die Zahl der Touch Points erweitern: gute Beratung in ausgewählten Läden. „In den nächsten fünf Jahren würden wir es gerne schaffen, in jeder Haustierapotheke zu stehen. Schließlich haben wir für jeden Bereich einen Problemlöser da“, sagte sie.

REDOGGO: Aus Liebe zum Upcycling

REDOGGO Hundezubehör auf der Stadtpfotenmesse in Hamburg 20206

REDOGGO hat sein Sortiment von Spielzeug auf Leinen, Halsbänder und Geschirre erweitert.

Was zunächst wie ein augenzwinkerndes Experiment klingt, ist in Wirklichkeit ein radikal konsequentes Nachhaltigkeitskonzept. Entstanden aus dem Label Airpaq – das schon Rucksäcke und Taschen aus Airbags fertigt –, produziert Redoggo Hundespielzeug mit bis zu 99 % Upcycling-Anteil. „Die Materialien stammen direkt aus der Industrie: Ausschussware, die Sicherheitsstandards nicht erfüllt“, erklärte Kathy Hermanns vom Sales & Business Development. Gefüllt mit geschredderten Rettungsbooten, produziert in Rumänien – nicht in Fernost. CE-zertifiziert, mit Tierärzten entwickelt, gemacht für die Interaktion: zum Werfen, Suchen, Apportieren – nicht zum einsamen Zerkauen. Trotz wachsender Nachfrage setzt REDOGGO auf organisches Wachstum statt schneller Skalierung. „Wir möchten wachsen – aber in einem Tempo, das die Firma auch verträgt“, sagte Kathy Hermanns. Langfristig geht die Vision über Produkte hinaus: REDOGGO will ein eigenes Tierschutzprojekt aufbauen, engagiert sich aber bereits heute lokal und über Kooperationen.

 

HANFRED hatte das coolste Auto auf der Messe

HANFRED hatte das coolste Auto auf der Messe

 

Hanfred: Vom Feld in die Schüssel

Seit 2020 setzt das österreichische Unternehmen auf einen konsequenten „Farm-to-Bowl“-Ansatz. Das Team aus elf Mitarbeitern baut auf eigenen Flächen in der steirischen Landschaft Kräuter an, verarbeitet und vertreibt sie – vom Acker bis zur Verpackung alles in einem Kreislauf. Ihre Snacks und Pralinen landen in einer Hülle aus Recycling-Plastik und heißen unter anderem „SOS Stangerl“ – eine treffende Ösi-Bezeichnung.

Was mit einem angstgeplagten Hund bei Gewittern und Silvester begann, ist heute ein Sortiment von rund 40 Produkten für Hunde und Katzen, von Stress- und Verdauungshelfern bis hin zu Zahnpflege. Der Fokus: natürliche Wirksamkeit. Das Versprechen: 100 % pestizidfrei. Das Unternehmen befindet sich derzeit im Demeter-Zertifizierungsprozess für seine Kräuter. „Was wir unseren Tieren geben, würden wir auch selbst konsumieren“, so Gernot Hörtner, einer der drei Gründer. Ein Satz, der sitzt.

Enviwell: Probiotische Pflege

Enviwell Produkte auf der Stadtpfotenmesse in Hamburg 2026

Enviwell hat mit Pferden als Zielgruppe begonnen und bietet jetzt seine Probiotik auch für Hunde

Der Name ist Programm: Envi für Environment, Well für Wellness. Hinter Enviwell stehen probiotische Pflegeprodukte, die nicht im Körper, sondern auf der Haut wirken – ein Ansatz, der aus der Pferdeheilkunde stammt und nun Hunden zugutekommen soll. „Wir gehen mit Probiotika einen anderen Weg – wir stärken die Hautbarriere von außen“, sagte Gründer Alexander Durban. ENVIWELL wächst bewusst organisch und eigenfinanziert – mit dem klaren Ziel, nachhaltige, natürliche Alternativen im Markt zu etablieren und Schritt für Schritt ein ganzheitliches Partnernetzwerk rund um Tiergesundheit aufzubauen. Mein Eindruck? Eine Marke, die das Wörtchen Nachhaltigkeit nicht nur für den Messestand gebucht hat.

Hundekind: Klein gedacht – groß gemacht

Helen Ernst von Hundekind auf der Stadtpfotenmesse in Hamburg 2026

Helen Ernst eine Einzelkämpferin und hat das Sortiment von Hundekind vor kurzem verkleinert

 

Helen Ernst ist Hundeernährungsberaterin – und sie hat eine Lücke entdeckt, die der Markt jahrelang übersehen hat: Kleine Hunde sind keine miniaturisierten Großhunde. „Sie haben im Verhältnis zu ihrem Gewicht eine viel größere Körperoberfläche und verlieren mehr Energie“, erklärte die Bayerin. Seit 2021 entwickelt sie in ihrer kleinen Metzgerei Menüs, die exakt auf diesen Stoffwechsel abgestimmt sind – verpackt in Glas. „Es gibt nichts, was reiner ist – Glas gibt nichts ans Produkt ab“, sagte Helen Ernst. Trotz des hohen Energieverbrauchs bei der Produktion ist sie von seiner Nachhaltigkeit restlos überzeugt: „Das Material ist praktisch endlos wiederverwendbar und zu 100 % recycelbar. Dagegen werden Dosen sehr häufig gar nicht recycelt, sondern landen im Ausland auf der Müllkippe.“

Meine Entdeckung auf der Stadtpfotenmesse: Fairzogen & Fairwöhnt

Die Hundepension in Seevetal bei Hamburg verdient eine eigene Erwähnung – nicht wegen spektakulärer Produkte, sondern wegen ihres Ethos. Auf fünf Hektar eingezäuntem Waldgelände betreut das Gründerinnen-Duo aus Levke Neureuther und Saskia Ogoniak nicht nur „Softies“, sondern auch schwierige und unverträgliche Hunde. Damit gewähren die Verhaltensberaterinnen auch „Problemfällen“ einen Betreuungsplatz – eine Seltenheit unter KiTas, die meist nur verträgliche und sozialisierte Tiere aufnehmen.

„Wir stellen die Gruppen so zusammen, dass Probleme idealerweise gar nicht entstehen“, erklärte Levke Neureuther. Notfalls bekommen auffällige Pensionsgäste aber Einzelbetreuung. Ein Platz ist auch immer für einen Pflegehund reserviert, für den ein Zuhause gesucht wird. Viermal im Jahr werden die Wiesen zum Schauplatz der „Bark Dates“ – einer Art Speed-Datings für Menschen und Tierschutzhunde. Eine Idee, die so einfach wie wirkungsvoll ist: Mensch und Tier kennenlernen, ganz ohne Druck.

Fazit

Die Stadtpfotenmesse 2026 hat gezeigt, dass sich die Heimtierbranche im Umbruch befindet. Tierschutz und Nachhaltigkeit sind keine Nischenthemen mehr, sondern entwickeln sich zu wichtigen Kaufkriterien. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich: Nicht alle Aussteller – und Käufer! – sind auf diesem Weg gleich weit.
Bei ihrer ersten Ausgabe hat Stadtpfotenmesse weniger Antworten geliefert als vielmehr die richtigen Fragen gestellt. Und genau das macht sie relevant.
Für die zweite Edition würde ich mir schärferes Kuratieren und konsequentere Ausstellerauswahl wünschen. Aber der Grundton stimmt. Und das ist, beim ersten Mal, mehr als genug.